Archi ist geknickt.
Jedem Spieler im eSport, oder besser gesagt jedem Sportler allgemein, ist eines klar, sofern er gewillt ist, etwas zu erreichen: Ohne Training kann man die Spitze nicht erreichen, ganz zu schweigen davon, sich an dieser zu halten. Natürlich gibt es hier und dort Naturtalente, die einfach alles können und denen alles gelingt, ohne speziell Zeit in Training zu investieren. Aber der Normalfall ist es eben nicht. Auch muss man sich mit dem Wandel der Zeit bewegen und darf nicht an einem Punkt stehen bleiben. Die Entwicklung ist das Maß der Dinge, denn ohne Veränderung würde man in der Triste untergehen.
Über einen langen Zeitraum hinweg war ein Team so gut wie unangefochten die Nummer eins und noch heute stehen die fünf Spieler nach Punkten an der Spitze der Weltrangliste. Doch findet sich in der Anzahl der Punkte keineswegs die momentane Form von Schwedens Langzeit-Aushängeschild fnatic wieder. Die Zeiten, in denen fnatic als größte Turnier-Konkurrenz für alle teilnehmenden Teams und als Titelgarant für alle Kritiker galt, sind vorerst auf Eis gelegt, wenn nicht gar vorbei. Selbst national sind f0rest & Co nicht mehr die Elite schlechthin. Spätestens nach der letzten Dreamhack war klar, dass SK Gaming auf dem Weg zu alter Stärke ist und auch andere Teams wie lag-blank und das zu dem Zeitpunkt unter Evilzone spielende Team Anspruch auf den schwedischen CS-Thron erheben.
"fnatic ist ein absolut krasses Team, aber sie spielen seit zweieinhalb Jahren den selben Rotz."
Navid Javadi
Genau diese Tatsache sei der Grund dafür, dass man so schlecht gespielt habe. "Alles kommt und geht, aber ändern tut es sich immer", sagte fnatic-Spieler Archi nach der Global Challenge in Los Angeles. Ihren Spielstil behielten sie bei, anstatt wie andere mit der Veränderung mitzugehen und ihr Spiel anzupassen. "Es ist weltweit das einzige Team, dass nur durch Skill das Spiel gewinnt", beschreibt Kapio den Spielstil der Schweden weiter. Lange hatte man bei fnatic mit diesem Umschießen-Stil Erfolg, doch irgendwann ist einfach Schluss und den Schweden werden ihre Grenzen aufgezeigt. Dennoch, verstecken ist nicht die feine schwedische Art. Im Interview spricht Oscar "Archi" Torgersen über die Probleme des eigenen Spiels und das Trainingsdefizit, welches als Grund für das schlechte Abschneiden auf den letzten Events genannt wurde.
"Unsere Vorbereitung für das Turnier war nicht gut genug!"
Oscar Torgersen
Enttäuschend für die Schweden waren schon die Ergebnisse auf der Dreamhack Skellefteå, wo man die nationale Qualifikation zu den World Cyber Games 2008 zu spielen hatte. Bereits im Halbfinale war das Turnier für fnatic zu Ende. Nach einem 12:16 auf dust2 und einer deutlichen 3:16-Niederlage auf train gegen das stark aufspielende lag-blank, war das Ticket zum diesjährigen WCG Grand Final nicht mehr erreichbar. Auch das separate Counter-Strike-Turnier auf der Dreamhack war nicht sonderlich von Erfolg geprägt, dort schied man wiederum im Halbfinale aus. Die Endstation hieß hier allerdings nicht lag-blank, sondern SK Gaming.
"Wenn die Ergebnisse schlecht sind und wir denken, dass es etwas mit
einem Spieler im Team zu tun hat, dann müssen wir natürlich wechseln."
Oskar Holm
wann wird er wieder jubeln?
Ob es wirklich dazu kommen wird, dass fnatic einen oder gar mehrere Spieler austauscht bleibt abzuwarten – denkbar ist es jedenfalls nicht. Denn die Konstellation, in welcher sich fnatic befindet, besteht nicht erst seit gestern. Die Schweden setzten auf Konstanz, was auch lange als unbezwingbares Mittel galt. Kein anderes Top-Team weltweit kann zum jetzigen Zeitpunkt auf solch eine lange Zusammenarbeit zurückblicken. Und so ist es auch fast undenkbar, dass die Schweden ein Glied aus dem Fünfergespann nehmen. Auch mousesports-Spieler Manuel Makohl hält einen Spielerwechsel für unwahrscheinlich. "Ich wüsste nicht, warum man etwas ändern sollte. Eine schlechte Phase hat jedes Team mal", sagt Tixo als Reaktion auf die Überlegungen von Rotkäppchenträger ins. Ganz anders denkt Kapio über die Schwächeperiode von fnatic: "Ein Spielerwechsel könnte der richtige Schritt sein, um neuen Schwung und Lust in das Team zu bringen!" Die Integration eines neuen Spielers würde eventuell zu einer Umstellung im Spiel der Schweden führen, vermutet der Kalif weiter. Den günstigsten Zeitpunkt für solche eine Entscheidung sieht er am Ende des Jahres, bis dato solle man abwarten und schauen, ob "das Team die Krise selbst in den Griff bekommt".
Verändern müssen sie auf jeden Fall etwas, damit wieder mit ihnen als Favorit zu rechnen ist. Gerade die taktische Abteilung bedarf ein wenig Auffrischung, so denken auch Navid Javadi und der mousesports-Stratege Fatih Dayik. Auch wenn sich in der langen Zeit jeder einzelne fnatic-Spieler weiterentwickelt hat, so meint Kapio, dass im Gegensatz dazu die taktischen Künste eher auf der Strecke geblieben sind. Auch gob b schließt sich als Taktikexperte an diese Meinung an: "Im Spiel gegen mTw beim ESWC hat man gesehen, dass sie gut spielen, wenn sie sich richtig vorbereiten!" Beide sind ebenso der Meinung, dass man allgemein ohne Vorbereitung nicht allzu viel erreichen kann. Klar bleiben Überraschungen nie aus, dennoch ist man mit einer angemessenen Vorbereitung auf der sicheren Seite und hat es im entscheidenen Moment selbst in der Hand.
Was nun endgültig mit fnatic passiert und ob sie sich auf die nächsten Turniere besser vorbereiten oder noch weiter abstürzen, wird sich in naher Zukunft zeigen. Am 17. Oktober beginnt die nächste Global Challenge der Intel Extreme Masters in Montreal, wo fnatic die nächste Chance bekommt, das Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Fakt ist, wenn sie ein Comeback feiern wollen, müssen sie an sich arbeiten. Auch gob b ist der Meinung, "dass wenn sie richtig trainieren, sie wieder richtig krass wären". Wie dem auch sei, einfach wird es definitiv nicht werden. Drei Top-Teams, die bereits in Los Angeles am Start waren, werden auch im Teilnehmerfeld des Montreal-Events zu finden sein. Angeführt vom etwas größenwahnsinnigen Marcus "zet" Sundström wird "das beste Team der Welt", wie er SK betitelt, versuchen, den zweiten Erfolg in Serie zu erlangen. Ebenso wird cogu wieder mit seinen AWP-Künsten auftrumpfen und es wird n0thing but headshots regnen. Ein jeder wird in Montreal sehen, ob fnatic erneut das Training hat schleifen lassen oder sich ausgiebig vorbereitet hat. Eines ist jedenfalls klar: Umschießen ist nicht alles!